Evangelische Kirchengemeinde
Essen-Altstadt

„Seht, die gute Zeit ist nah ...

Andacht

„Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da, kommt, dass Friede werde! EG 18 - Friedrich Walz

Als mir bei der Vorbereitung der „Achtsamen Abend Auszeit“ für Dezember zum Thema „weihnachtlich“ dieses Lied ins Auge sprang, fühlte ich mich direkt angesprochen.

„Seht, die gute Zeit ist nah!“ – Nicht, weil ich an die Zeit ab dem 1. Januar 2023 (meinen Eintritt in den Ruhestand) dachte, sondern weil ich jetzt, Mitte Oktober, beim Schreiben dieser Zeilen an die Adventszeit denke, mich einfach auf diese freue und sie bewusst erleben möchte. Ich liebe einfach die Advents- und Vorweihnachtszeit mit dem Gang über den Weihnachtsmarkt, mit ihren Feiern, ihren Vorbereitungen wie Geschenke besorgen und Plätzchen backen bzw. essen. Ich empfinde immer noch diesen Zauber und erlebe immer wieder, dass sich auch so manch anderer, der sonst nicht so viel mit Glauben oder Kirche zu tun hat, durch ihn anstecken lässt. Denn die Adventszeit schafft es immer wieder, Menschen zu verzaubern. Sie hat draußen auf den Straßen und in vielen Häusern ein besonderes Gesicht. Alle, fast alle Menschen wissen immer noch: Dies ist eine Zeit der Vorbereitung auf etwas Größeres, Wichtigeres!

Natürlich weiß ich auch, dass viele Menschen überhaupt nur froh sind, wenn sie diese Adventswochen mit ihren Vorbereitungen, Einkäufen, Päckchenpacken, Weihnachtsfeiern, Weihnachtspost erledigen, … halbwegs überstehen - so hektisch geht es manchmal zu. „In der Adventszeit muss man starke Nerven haben“, sagte mir einmal eine Verkäuferin. „Was ist das nur für eine Vorbereitung auf Weihnachten?“, klagte sie.

Andererseits, wenn ich an die vielen Menschen, die diesen Blickpunkt lesen, denke, dann haben immer mehr von Ihnen, und zwar nicht nur diejenigen, die in einem Seniorenzentrum wohnen, gar keine Möglichkeit, sich an der „Hektik draußen“ zu beteiligen. Sie werden manchmal sicherlich neidisch sein auf die jüngeren, aktiven Menschen, die da mithalten können. Ich kann das gut verstehen! Auch mir fällt es zunehmend schwerer, alles, was ich erledigen möchte, in der gleichen Zeit zu bewältigen, wie ich es als junger Pastor geschafft habe.
Und doch sollte uns dieses Ärgernis nicht belasten.

Ich möchte Ihnen, die Sie eventuell vieles schmerzlich vermissen, was die heute jüngeren Leute später vielleicht ebenso vermissen werden, sagen:
Nutzen Sie das doch, dass Sie nicht mehr so in die vorweihnachtliche Unruhe und Hektik eingebunden sind. Vielleicht können Sie viel mehr, viel besser den möglichen Segen dieser Wochen erfahren und begreifen - als die meisten, die voll im Berufs- und Familienleben eingespannt sind. Vielleicht können Sie - durch manche Altersbeschwerden, manches unvermeidliche Alleinsein, durch manches Sich-Abfinden-Müssen hindurch - tiefer begreifen und tiefer darum bitten, dass Gott uns Menschen nahe ist.

„Seht die gute Zeit ist nahe!“ - Warum? „Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da, kommt das Frieden werde.“

Weihnachten ist Gott als Kind in der Krippe in unsere menschliche Armut, Dunkelheit und Not gekommen.
Er kommt in den Unfrieden dieser Welt, um den Menschen Frieden zu bringen.

Und das fängt im Advent schon an. Dazu sind diese Wochen ja eigentlich da, nicht zur Unruhe und zum Rummel, sondern zum Warten und Bitten: Gott, der Herr, möchte kommen und uns so nahe sein, dass wir es spüren. Dass wir in ihm geborgen sind. Dass wir bei ihm neu Frieden machen könnten mit einem schweren Lebensschicksal, mit dem eigenen trotzigen und verzagten Herzen. Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen. Gott ist nahe auch und gerade allen, die nicht mehr bei allem mitmischen können. Gott will sie tragen und trösten. Da darf einer doch einmal aufhören zu hadern und missmutig zu sein, weil er nun auf fremde Hilfe angewiesen ist. Da darf eine sogar frei werden von der heimlichen Angst zu sterben. Da darf einer trotz allen Unfriedens auf der Welt, darauf hoffen, dass bald Friede sein werde. Da darf jeder wieder getröstet und zuversichtlich werden, um Gottes willen, weil Christus gekommen und geblieben ist. Darum zünden wir ja auch in den dunkelsten Wochen die Adventslichter an.

Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Adventszeit mit der Zuversicht, dass die gute Zeit nah ist.

Ihr Pfarrer
Thomas Nawrocik